Worte, die wirken – Rezitierwettbewerb und Poetry Slam an der Mildred-Harnack-Schule

Am Nachmittag des 18.12.2025, kurz vor Beginn der wohlverdienten Ferien, verband die Mildred-Harnack-Schule zwei literarische Formate miteinander, die sich in ihrer Form unterscheiden, in ihrer Wirkung jedoch ergänzen:  den bereits zum vierten Mal stattfindenden Rezitierwettbewerb und einen Poetry Slam, der in diesem Jahr erstmals sein Debüt an der Schule feierte. Gemeinsam boten beide Wettbewerbe einen eindrucksvollen Einblick in die sprachliche, emotionale und gesellschaftliche Ausdruckskraft unserer Lernenden.

Eröffnet wurde der Abend von Herrn Gerstenberg als Vertreter der Schulleitung. In seiner Begrüßung hieß er die zahlreichen Literaturbegeisterten in der Aula willkommen, wünschte den Teilnehmenden viel Erfolg und hob den besonderen Wert des Rezitierens hervor. Die bewusste Auseinandersetzung mit Texten öffne den Geist, ermögliche Besinnung und innere Ruhe und schule zugleich die Merkfähigkeit. Er würdigte die Teilnehmenden als junge Poetinnen und Poeten, deren Auftritte Mut und Selbstsicherheit erforderten und genau davon zeugten.

Das Publikum setzte sich aus Schülerinnen und Schülern, Teilen des Kollegiums sowie Familie und Freund:innen der Teilnehmenden zusammen. Für die Verköstigung sorgte die Kreativ-AG mit Unterstützung von Frau Schneider.

Der Rezitierwettbewerb – Musiktexte neu aufgelegt

Beim Rezitierwettbewerb präsentierten die Lernenden Songtexte ohne musikalische Begleitung. Im Fokus stand allein der Text und dessen Wirkung. Bewertet wurden neben der inhaltlichen Auswahl unter anderem Körperhaltung, Gestik und Mimik, Tempo und bewusst gesetzte Pausen sowie Modulation, Intonation und Akzentuierung.

Insgesamt traten fünf Teilnehmende an. Während der Wettbewerb im vergangenen Jahr ausschließlich von der Oberstufe getragen wurde, konnten in diesem Jahr erfreulicherweise auch viele Lernende der Sekundarstufe I dafür begeistert werden.

Die Organisation lag in den Händen von Anke Ortmann und Susanne Kühn, unterstützt vom Buchclub und der Kreativ-AG. Frau Kühn fungierte zudem als Souffleuse, die im Verlauf des Abends jedoch nicht benötigt wurde.

Die Jury bestand aus der Lehrkraft Herr Niendorf, der Schulsekretärin Frau Opaschowski, dem Vertrauenslehrer Herr Klockmeier, dem Vorstandsmitglied des F2-Kulturkollektivs und ehemaligem Schüler Felix Batrusch, sowie Nhu Luu und Maximilian Kühn, zwei angehenden Lehrkräften. Die Moderation übernahm Feliks Thiele vom F2 Kulturkollektiv, für Licht und Technik sorgte Yven Exner, ebenfalls Mitglied des Kollektivs. Beide sind auch ehemalige Schüler.

Inhaltlich wurde deutlich, dass viele der ausgewählten Texte eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen verband – insbesondere die Forderung nach mehr Engagement für eine gerechtere und bessere Welt zog sich wie ein roter Faden durch den Wettbewerb. Der Ablauf sah vor, dass zunächst der Text rezitiert und anschließend das jeweilige Ursprungslied angehört wurde.

Den Auftakt machte Anna Baranow (Klasse 7) mit dem Song „Junge“ von den Ärzten. Komplett frei und ohne Requisiten vorgetragen, überzeugte sie durch eine gekonnte, textnahe Mimik und Gestik sowie emotionale Artikulation und Intonation. Der Text kritisiert gängige Vorwürfe gegenüber der heutigen Jugend – von Aussehen bis Drogenkonsum – und stellt die Frage, ob diese wirklich so hoffnungslos sei, wie ältere Generationen oft behaupten.

Es folgte Nikki Theil (Klasse 10) mit „Rosarote Brille“ von dem deutschen Künstler Yu. Die Schülerin brachte die titelgebende Brille mit auf die Bühne und machte den Text durch die Interaktion greifbar. Die Aufregung war spürbar, wurde jedoch gekonnt durch gestische Einwürfe aufgefangen. Der Text bewegt sich zwischen Liebeserklärung an eine positive Weltsicht und Kritik daran, Probleme bewusst auszublenden.

Hanna Kisialova (Jahrgang 13), Vorjahressiegerin, präsentierte „Somebody That I Used to Know“ von Gotye in einer freien deutschen Übersetzung. Ruhig und entspannt vermittelte sie emotionale Ambivalenz zwischen Nähe und Verlust. Mit leisen, teils gehauchten Worten brachte sie die Melancholie des Textes eindrucksvoll zum Ausdruck und thematisierte das schmerzhafte Verschwinden von Menschen aus dem eigenen Leben.

Jakob Pannier (Klasse 7) rezitierte „Krieger des Lichts“ von Silbermond. Seine starke Artikulation und bewusst gesetzten Pausen gaben den Worten Raum, auch wenn der Textfluss stellenweise etwas darunter litt. Mit passender Gestik ermutigte er das Publikum, selbst zu „Kriegern des Lichts“ zu werden und sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Den Abschluss bildete Johanna Werfel (Klasse 10) mit „Deine Schuld“ von den Ärzten. Ihre Nervosität zeigte sich in einem sehr hohen Tempo, das vermutlich auch durch den Ausfall des Mikrofons begünstigt wurde. Dennoch meisterte sie die Situation souverän und trug den Text eindrucksvoll und mit intensiver Gestik vor. Die klare Botschaft: Verantwortung für gesellschaftlichen Wandel liegt bei jedem Einzelnen.

Alle Teilnehmenden wurden mit großem Applaus bedacht. Besonders bemerkenswert war, dass sich die jüngsten Teilnehmenden problemlos mit den angehenden Abiturientinnen messen konnten. Der Wettbewerb zeigte eindrucksvoll, wie durch das Rezitieren Texte neu interpretiert und in einem anderen Licht wahrgenommen werden können.

Die Preisverleihung erfolgte durch Frau Ortmann, Frau Kühn und Herrn Klockmeier. Verliehen wurden Pokale und Urkunden. Der erste Platz bleibt in diesem Jahr in den Händen von Hanna Kisialova, die damit den Titel erfolgreich und nachvollziehbar verteidigte. Dicht auf Hannas Fersen befinden sich aber mit Jakob Pannier (Platz Zwei) und Anna Baranow (Platz 3) zwei Siebtklässler:innen, die mit einem solch grandiosen Start ein Garant für tolle Wettbewerbe in der Zukunft sind.

„Ich wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren. Eigentlich wollte ich singen, aber das war auch gut. Auf der Bühne war es sehr aufregend – aber dann hat es echt Spaß gemacht.“

„Ich wollte zeigen, dass Liedtexte mehr Tiefe haben, als man zunächst vermutet. Außerdem ist mir die Teilnahme an der schulischen Gemeinschaft wichtig. Besonders beeindruckt hat mich die Rhetorik der jüngeren Teilnehmenden.“

„Ich habe drei Schüler selbst im Unterricht, die ich heute nochmal ganz anders kennengelernt habe. Versteckte Talente haben sich hier gezeigt.“ „Die Vielfalt der Emotionen und die Nutzung der Bühne als Raum sowie die Betonung der Schlüsselwörter haben uns besonders begeistert.“

Siegerehrung des Rezitierwettbewerbs

Poetry Slam – Sprache als Spiegel der Welt

Der zweite Teil des Abends wurde von Frau Jungklaß, Organisatorin des Poetry Slams und Lehrkraft für Deutsch, Englisch und Theater, moderiert. Der Poetry Slam entstand aus einem Unterrichtsprojekt: Die damalige Klasse 9.4 (heute 10.4) verfasste Berlin-Gedichte, aus denen eigene Texte hervorgingen. Ein klasseninterner Slam führte schließlich zum schulweiten Wettbewerb. In diesem Jahr nahm zudem die Klasse 9.2 mit ihren Klassensieger:innen teil.

Ein besonderer Impuls ging vom Workshop mit Wolf Hogekamp am 05.12.25 aus. Das Urgestein des Berliner Poetry Slams lobte zahlreiche Texte der Lernenden ausdrücklich – einige davon konnten an diesem Abend erneut oder erstmals auf der Bühne erlebt werden.

Der Wettbewerb fand in zwei Zufallsteams aus je drei Personen, die gegeneinander antraten, statt und wurde mithilfe eines Applausometers bewertet, wodurch das Publikum aktiv Teil des Geschehens wurde. Alle Texte waren selbstgeschrieben, viele davon sind auch im Rahmen des Deutschunterrichts entstanden. Die Themen reichten von sehr persönlichen Erfahrungen bis hin zu gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen.

Den Auftakt machte Melisa (Jahrgang 9) mit ihrem Text „Böse Stiefschwester Berlins“. Sie führte das Publikum in die dunkleren, raueren Seiten der Großstadt: überfüllte Busse, ausfallende Bahnen, Baustellen, Staub, Lärm, Stress und Hektik. Berlin erschien als gemein, schmutzig und überfordernd – und zugleich als faszinierend und lebendig. Gerade diese Ambivalenz verlieh dem Text seine Tiefe.

Dimitrios (Jahrgang 10) thematisierte in „Liebe zwischen Mensch und Tier“ Loyalität, Nähe und Verbundenheit. Er stellte die Frage, ob Liebe lediglich ein Wort sei, und zeigte auf, dass Tiere oft eine bedingungslose Form von Nähe verkörpern. Am Ende betonte er, dass alle Lebewesen gleich seien – ein stiller, aber eindringlicher Appell für Empathie.

Nikki (Jahrgang 10) präsentierte mit „Schön genug“ einen eindrucksvollen Text über Schönheitsideale. Sie beschrieb eine Welt, „die niemand repariert“, einen Käfig, der mit Glitzer getarnt ist, sodass die Gefangenheit unsichtbar bleibt. Der Text zeigte den Kampf gegen Ideale, die Unsichtbarkeit erzeugen und Menschlichkeit verdrängen. Der abschließende Appell lautete, nicht sich selbst zu verändern, sondern die Ideale – denn „das Schönste eines Menschen ist das, was kein Spiegel jemals zeigen kann“.

Nach einer sehr knappen Entscheidung zogen Dimitrios und Nikki in die nächste Runde ein.

In der zweiten Gruppe nahm Jolie (Jahrgang 10) das Publikum mit in „Montag – Level für Level“ durch einen typischen Schulmontag. In der Logik eines Videospiels schilderte sie Überforderung, Leistungsdruck und das Gefühl, nie wirklich abzuschalten – selbst zuhause setzen sich Schule und Anforderungen fort. Der Text traf einen Nerv, gerade durch seine Alltagsnähe.

Johannah (Jahrgang 10) stellte in „Liebe und Hass“ dar, wie nah beide Gefühle beieinanderliegen. Sie sprach von Dingen, Menschen und Situationen, die sie zugleich liebt und hasst – von Herausforderungen, vom Alltag, von Beziehungen. Der Text machte deutlich, dass Ambivalenz ein zentraler Bestandteil menschlicher Erfahrung ist.

Jana (Jahrgang 10) zeichnete in „Eine Stadt und viele Leben“ ein vielschichtiges Stadtbild: Häuser, Straßen, Lichter, Menschen und Tiere, Jung und Alt. Besonders prägnant war die Zeile: „Wir sind alle am selben Ort, doch jeder hat sein eigenes Ziel.“ Der Text machte bewusst, wie viele Leben sich täglich kreuzen, ohne wirklich wahrgenommen zu werden, und endete mit dem Gedanken, dass wir zwar alle unterschiedlich sind, aber gemeinsam die Stadt formen – und von ihr geprägt werden.

Auch hier war die Entscheidung äußerst knapp. Jolie und Jana zogen in die Finalrunde ein.

In der Finalrunde präsentierten alle vier Finalist:innen neue Texte.

Dimitrios nahm das Publikum in „Ich hör’ Berlin“ mit auf eine akustische Reise durch die Stadt: ein schreiendes Kind, Bass aus dem Kellerfenster, Skateboardrollen, Plastik auf Asphalt, Sirenen. Der Text machte deutlich, wie lebendig Berlin ist – und wie sehr man selbst Teil dieses Klangraums wird: „Ich mach die Augen zu. Alles lebt und ich mittendrin.“

Nikki setzte mit „Frauen, Damen, Mädchen“ einen starken gesellschaftskritischen Akzent. Sie thematisierte Erwartungen an Frauen, widersprüchliche Rollenbilder, Schönheitsnormen und strukturelle Ungleichheiten – vom Gender Pay Gap über mangelnde Anerkennung von Expertise bis hin zu Gewalt an Frauen und Femiziden. Der Text machte unmissverständlich klar, dass Gleichberechtigung auch im Jahr 2025 weiterhin erkämpft werden muss.

Jolie rückte in „Mitten in der Stadt“ den Blick auf Details: auf einen obdachlosen Menschen unter einer Brücke, auf Passant:innen, die wegschauen oder auf ihre Handys blicken, auf die allgegenwärtige Hektik. Der Text forderte dazu auf, genauer hinzusehen und Menschlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren.

Jana berührte das Publikum tief mit ihrem Überraschungstext „Wo bist du?“, den selbst Frau Jungklaß vorab nicht kannte. Der Text handelte von Verlust, Einsamkeit und der Sehnsucht nach einer geliebten Person. Am Ende folgte eine überraschende Wendung: Der Verlust entpuppte sich als Traum. Die „verlorene Person“ war eine persönliche Hommage an Janas Schwester – ein eindringlicher Appell, das wertzuschätzen, was wir als selbstverständlich ansehen.

Dieser Überraschungstext überzeugte mit inhaltlicher Tiefe, einer gelungenen Botschaft und einem tollen Vortrag, sodass Jana als Siegerin des Abends hervorging. Nikki konnte mit ihrem Text über die Ungerechtigkeit, denen Frauen immer noch begegnen müssen, Platz Zwei erzielen und Jolie belegte Platz Drei mit ihrem detailreichen Blick auf Berlins „Übersehenes“.

Frau Jungklaß betonte, dass letztlich aber alle Sieger:innen seien, da sie den Mut gehabt hätten, ihre doch auch sehr persönlichen Texte auf der Bühne zu teilen.

Als Anerkennung für ihren Mut, ihre Ausdruckskraft und ihre inhaltliche Tiefe erhielten die Teilnehmenden Tickets für das U20-Wort-Sport-Festival am 20.02.26 im Podewil (GRIPS Theater). Dort treffen sie auf bekannte Größen der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene und erhalten Einblicke in eine lebendige, professionelle Bühnenkultur. Die Preise wurden vom Förderverein der Mildred-Harnack-Schule zur gezielten kulturellen Förderung ausgelobt.

„Ganz toll, dass die Lernenden den Mut aufbringen konnten auf der Bühne zu stehen. Die Tiefe der Inhalte der Texte waren unglaublich vielschichtig, aktuell und politisch, was für das junge Alter wirklich beeindruckend ist und was ja oft jungen Leuten nicht zugestanden wird."

„Lernende, die im Unterricht häufig eher still sind zeigen hier eine Seite, die mich tief beeindruckt und berührt."

„Ich fand die Teilnahme voll cool und es war ein einzigartiges Erlebnis. Aber vor allem hat mir das Gemeinschaftsgefühl am Herzen gelegen. Alle wurden unterstützt – auch untereinander.“

Ein Elternteil ohne direkte Verbindung zu Teilnehmenden resümierte, dass sie begeistert sei, wie kreativ die Lernenden sind und mit welcher Intensität auch gerade die jüngeren Teilnehmenden vorgetragen haben.

Der Abend zeigte eindrucksvoll, welches sprachliche, kreative und gesellschaftliche Potenzial in unseren Lernenden steckt. Ob rezitiert oder selbstgeschrieben – Worte wurden hier zu Haltung, zu Ausdruck und zu Wirkung. Die Mildred-Harnack-Schule ist stolz, diesen Raum bieten zu können.

Ein besonderer Dank gilt den Organisatorinnen der beiden Veranstaltungsteile, die diesen Abend mit großem Engagement und viel Herzblut möglich gemacht haben. Frau Ortmann und Frau Kühn trugen mit der souveränen und liebevollen Organisation des Rezitierwettbewerbs maßgeblich dazu bei, dass sich die Teilnehmenden sicher, gesehen und unterstützt fühlen konnten. Ebenso gilt Frau Jungklaß ein ausdrücklicher Dank dafür, dass sie mit dem Poetry Slam ein neues Format aus einem Unterrichtsprojekt heraus ins Leben rief und dieses eindrucksvoll umsetzte. Durch ihre konzeptionelle Arbeit, ihre Begleitung der Lernenden und ihre Begeisterung für Sprache gelang es, die Schulgemeinschaft nachhaltig zu berühren und für literarische Ausdrucksformen neu zu begeistern.

Siegerehrung des Poetry Slam
Die Organisatorinnen des Rezitierwettbewerbs
Die Jury des Rezitierwettbewerbs
Technik und Moderation

Bericht/Bilder: Kaz