Kunst, die ihren Weg in die Stadt findet

Manchmal verlassen Schularbeiten doch die vertrauten vier Wände des Kunstsaals und begegnen einem plötzlich mitten in Berlin. So geschehen in den Sommerferien mit zwei Arbeiten aus dem Kunst-Leistungskurs des vergangenen Schuljahres.

Im Rahmen der Initiative „Du bist am Zug“ wurden noch im vergangenen Schuljahr Arbeiten des damaligen Leistungskurses eingereicht. Die Plakate mit den Werken von Lilith und Freia waren zunächst in der zweiten Ferienwoche in Britz zu sehen. Umso größer war die Überraschung, als sie in der vierten Ferienwoche erneut im Berliner Stadtgebiet auftauchten, diesmal sogar in erweiterter Nähe unserer Schule: an den Tramhaltestellen Hohenschönhauser Straße/Weißenseer Weg und Landsberger Allee/Weißenseer Weg.

Diese Gelegenheit ließen sich die beiden Urheberinnen nicht entgehen. Gemeinsam mit der einreichenden Lehrkraft, Herrn Kratz, machten sich Lilith und Freia auf den Weg, um ihre Arbeiten vor Ort zu besuchen und selbst in Plakatgröße zu betrachten.

Liliths Plakat an der Haltestelle Hohenschönhauser Str./Weißenseer Weg mit amüsanter Reflexion des Fotografierenden.

Auch inhaltlich eint die beiden sehr unterschiedlichen Werke eine klare feministische Botschaft.

Freias Arbeit entstand im Malereisemester und zeigt in einer allegorischen Darstellung Medusa, die sich ihre eigenen Haare abschneidet. Dabei wird der bekannte Mythos neu interpretiert: Medusa wartet nicht darauf, von ihrem Schicksal erlöst zu werden, sondern nimmt ihre Befreiung selbst in die Hand. Das Abschneiden der Haare wird zum Akt der Selbstermächtigung. Sie widersetzt sich dem von einem Mann auferlegten Fluch und bestimmt selbst über ihre Geschichte.

Liliths Arbeit entstand im Bereich Urban Art und wurde als Stencil gesprayt. Auch sie setzt sich mit Selbstbestimmung auseinander und formuliert eine unmissverständliche Botschaft: Die Kleidung einer Frau ist weder Einladung noch Kommunikationsmittel für andere. Was jemand trägt, erlaubt keine Rückschlüsse auf Zustimmung, Absichten oder Verfügbarkeit.

Freias Plakat an der Haltestelle Landsberger Allee/Weißenseer Weg mit amüsanter Reflexion des Fotografierenden.

Für Lilith und Freia war es ein besonderer Moment, die eigenen Arbeiten im öffentlichen Raum zu entdecken. Schließlich bleiben viele Werke, die im Unterricht mit großem Aufwand, persönlicher Haltung und intensiver Auseinandersetzung entstehen, am Ende innerhalb der Schule. Umso schöner ist es, wenn gerade Arbeiten mit wichtigen gesellschaftlichen Botschaften ihren Weg nach draußen finden und dort von Menschen wahrgenommen werden, die ihnen sonst vielleicht nie begegnet wären.

Und wer weiß: Vielleicht hat ja jemand aus unserer Schulgemeinschaft die Plakate ebenfalls gespottet?

Was ist „DU BIST AM ZUG“?

DU BIST AM ZUG ist ein gemeinnütziger Berliner Verein, der Menschen die Möglichkeit gibt, eigene Bilder oder kurze Texte als Plakate im öffentlichen Raum der Stadt zu präsentieren. Dabei gibt es weder ein vorgegebenes Thema noch einen Wettbewerb: Die Teilnehmenden entscheiden selbst, was sie mit ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern teilen möchten. In diesem Sommer werden rund 1.000 unterschiedliche Beiträge auf etwa 2.000 Plakatflächen in Berlin gezeigt.

Ein besonderer Reiz der Initiative liegt darin, dass zunächst niemand weiß, wo genau das eigene Werk hängen wird. Die Plakate müssen im Berliner Stadtgebiet entdeckt werden. Gefundene Arbeiten und ihre Standorte können auf einer interaktiven Karte dokumentiert werden, sodass eine Art gemeinschaftliche Schatzsuche durch die Stadt entsteht.

Bereits in den Sommern 2022 und 2024 verwandelte DU BIST AM ZUG Berlin auf diese Weise in eine offene Galerie mit Kunst, Fotografien, persönlichen Geschichten, gesellschaftlichen Botschaften und Poesie von Menschen ganz unterschiedlichen Alters und Hintergrunds.

Bericht: Kaz / Bilder: Lernende