Happy Birthday, liebe Mildred!

Zum Geburtstag unserer Namensgeberin veranstalten wir jedes Jahr einen Projekttag, um Mildred Harnacks Lebenswerk und Widerstand zu ehren. In diesem Beitrag finden Sie einen kleinen Exkurs, was unsere Lernenden an diesem Tag alles erleben durften.

Geschichte wird greifbar –

Archivworkshop im Jüdischen Museum

Ein Kurs des 12. Jahrgangs gewährt uns Einblicke in einen Archivworkshop des Jüdischen Museums Berlin. Der Beginn gestaltete sich zunächst etwas abenteuerlich: Nach einer halben Stunde Warten im strömenden Regen stellte sich bei der Anmeldung heraus, dass der Workshop nicht im Museumsgebäude selbst, sondern in der Akademie stattfand. Nach einem kurzen Gebäudewechsel, der Sicherheitskontrolle und der Abgabe unserer Rucksäcke wurden wir dort von den Workshopleitern freundlich empfangen.

Nach einer kurzen Einführung in die Archivarbeit ging es direkt an die Originalquellen. In vier Gruppen mit jeweils fünf Schülerinnen und Schülern rekonstruierten wir anhand unterschiedlicher Dokumente die Biografien von Menschen, deren Leben sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 grundlegend veränderte.

Eine Gruppe beschäftigte sich beispielsweise mit dem Schicksal eines 1898 geborenen jüdischen Arztes. Aus seinem Militärausweis, seiner Approbationsurkunde, Briefen und weiteren Dokumenten entstand nach und nach das Bild eines Lebens: 1917 wurde er zum Militär eingezogen, anschließend studierte er Medizin und promovierte. Am 1. April 1933 wurde er im Zuge des Boykotts gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte für einen Tag von seiner Tätigkeit in einem Sanatorium in Chemnitz ausgeschlossen.

Nur wenige Wochen später nahm er an einer Ärztetagung in Madrid teil. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er inhaftiert und musste nachweisen, dass er tatsächlich auf dieser Tagung gewesen war. Warum genau er festgenommen wurde, ließ sich aus den erhaltenen Dokumenten nicht unmittelbar ablesen. Gemeinsam versuchten wir deshalb, die Zusammenhänge zu rekonstruieren. Erhalten geblieben waren unter anderem sein Schreiben an einen Klinikleiter mit der Bitte, seine Teilnahme an der Tagung zu bestätigen sowie dessen Antwort.

Später verlor der Arzt seine Approbation, weil er nicht nachweisen konnte, im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft zu haben. Auch seine Versuche, diesen Nachweis nachträglich zu erbringen, konnten wir anhand der Originaldokumente nachvollziehen. 1936 floh er schließlich in die USA. Dort arbeitete er bis zum Ende seines Berufslebens wieder als Arzt, gründete eine Familie und kehrte nie nach Deutschland zurück.

Gerade dieses individuelle Schicksal hat uns besonders beschäftigt. Die Dokumente machten sichtbar, wie schnell und tiefgreifend sich das Leben einzelner Menschen ab 1933 veränderte und wie ihnen Schritt für Schritt ihre berufliche und persönliche Lebensgrundlage in Deutschland entzogen wurde. Geschichte erschien dadurch nicht mehr nur als eine Abfolge politischer Ereignisse und Jahreszahlen, sondern als etwas, das ganz konkrete Menschen und ihre Lebenswege betraf.

Der Archivworkshop war für uns nicht nur sehr informativ, sondern zeigte auch, welches Potenzial die Arbeit mit Originalquellen für den Geschichtsunterricht bietet. So entstand die Idee, künftig noch stärker mit solchen Quellen zu arbeiten und beispielsweise Familiengeschichten anhand von Dokumenten zu untersuchen, die Schülerinnen und Schüler selbst mitbringen.

Denn genau das hat dieser Workshop gezeigt: Originalquellen bringen uns Geschichte näher.

Bericht/Bilder Kurs12: Gru

Das Gegenteil von Jetzt

Unsere Schülerin Meldina (Jg.13) nimmt uns auch mit ins Jüdische Museum:

„Heute waren wir als Tutorium Englisch mit Frau Gräßler im Jüdischen Museum. Anlass des Besuchs war der Geburtstag von Mildred Harnarck, welche eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus war. Unter der Führung des Guides Darlik wurden der Gruppe Einblicke in zwei verschiedene Ausstellungsbereiche gewährt. Neben der regulär vorgesehenen Ausstellung ermöglichte Darlik als besondere Ausnahme den Zugang zu einem weiteren Ausstellungsbereich, den der Kurs zuvor noch nicht besichtigt hatte. Die Ausstellung hieß „Das Gegenteil von jetzt„.

Dort haben wir Ausschnitte eines Films gesehen: „The Birds“’ von Yael Bartana. Dieser Film wagt einen außergewöhnlichen Stil und hat somit sein eigenen Charme. 

Ein zentraler Bestandteil des Rundgangs war die „Between the Lines“. Hierbei erhielt die Gruppe eingehende Erläuterungen zum Architekten Daniel Libeskind, dessen ikonischer Zick-Zack-Bau und symbolträchtige Raumkonzepte das Jüdische Museum maßgeblich prägen. Zudem besuchten wir den Garten des Exils 

Zum Ende unseres Rundgangs gingen wir schließlich gemeinsam in einen abgetrennten Raum, der als Debattierraum diente. Dort hatten wir die Möglichkeit, anonym abzustimmen und unsere persönlichen Eindrücke sowie Gedanken zum Thema Antisemitismus zu teilen.

Unser Guide Dalik hat uns dazu noch seine persönlichen Erfahrungen erzählt und schöne abschließende Worte gefunden, welche uns alle daran erinnern sollen, dass wir alle nur Menschen sind und im Frieden hoffentlich in Zukunft bald zusammenleben.

Im Großen und Ganzen war der Tag eine sehr positive und bereichernde Erfahrung, die uns gezeigt hat, wie wichtig es ist, dass die Schule solche Ausflüge organisiert. So wird sichergestellt, dass wir diskriminierende Formen in der Geschichte nicht vergessen und weiterhin aktiv dagegen ankämpfen.“

Bericht/Bilder Kurs13: Meldina

Blindenwerkstatt Otto Weidt

Geschichte am historischen Ort erleben.

Eine neunte Klasse zeigt uns in Bildern, was sie im Museum „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ in Berlin-Mitte erlebt hat. An diesem besonderen historischen Lernort setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Verfolgung jüdischer Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus sowie mit den Möglichkeiten von Zivilcourage, Hilfe und Widerstand auseinander.

Im Mittelpunkt stand die Geschichte von Otto Weidt, der während des Nationalsozialismus in seiner Werkstatt hauptsächlich blinde und gehörlose jüdische Menschen beschäftigte. Mit verschiedenen Mitteln versuchte er, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Gemeinsam mit weiteren Helferinnen und Helfern organisierte er Verstecke für Verfolgte. Eines dieser Verstecke ist noch heute in den historischen Räumen des Museums erhalten und macht die Ereignisse auf besondere Weise nachvollziehbar.

Beim Erkunden der ehemaligen Werkstatträume und der Ausstellung konnten die Lernenden anhand von Fotografien, Dokumenten und persönlichen Lebensgeschichten erfahren, welche Auswirkungen die nationalsozialistische Verfolgung auf einzelne Menschen hatte. Gleichzeitig beschäftigten sie sich mit der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Menschen auch unter den Bedingungen einer Diktatur hatten.

Bericht: Kaz / Bilder: Wcz

Gedenkstätte Sachsenhausen

Der Jahrgang 10 fährt traditionell am Projekttag nach Sachsenhausen und erlebt dort Einblicke in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Im Geschichtsunterricht vorbereitet wird dort das, was sonst nur in Büchern steht, sichtbar. Die Klasse 10.1 erzählt uns, was sie in Sachsenhausen erlebt hat:

„Meine Klasse und ich gingen in die Gedenkstätte Sachsenhausen & Museum und die Geschichte dahinter ist düster und schrecklich. Ich hätte mir nie vorstellen können, welchen reinen Schmerz und welche Qualen diese unschuldigen Menschen zu ertragen hatten, nur wegen ihres Glaubens und ihrer Rasse. Das Gefühl, das ich beim Gehen hatte, war beunruhigend. Es fühlte sich falsch an, einen Fuß in einen Ort zu setzen, an dem Tausende von Menschen gelitten und gestorben sind. Und ich glaube nicht, dass ich diesen Ort jemals vergessen kann. Es war traurig und deprimierend. Es regnete hart, während wir dort waren. Aber wir blieben dort weiter, es fühlte sich einfach richtig an. Leider wurde unsere Zeit deshalb verkürzt, und wir konnten nicht alle Gebiete erkunden.“

Adelina Adilgereeva, Klasse 10.1

Bericht: Adelina, 10.1 / Bild: Fsc

Stolpersteine und ihre Geschichten

Konstantin Weimann aus der Klasse 7.1 berichtet uns, was der Jahrgang 7 erlebt hat:

Wir trafen uns alle an der Frankfurter Allee und sind dann mit der U5 zum Brandenburger Tor gefahren. Dort sind wir in die S-Bahn umgestiegen, eine Station gefahren und mussten etwas warten, denn manche
Schüler hatten sich verabredet, sich auf dem Potsdamer Platz zu treffen. Gemeinsam verließen wir den S-Bahn-Bereich über die Treppen der Schmerzen und manche waren etwas verblüfft: Sie sahen den Potsdamer Platz zum ersten Mal. Obwohl es ein Arbeitstag war, war es sehr ruhig. Wir alle zusammen gingen ein gutes Stück Weg und die Schüler redeten dabei miteinander.

Wir bogen schließlich nach nicht allzu langer Zeit in einen Innenhof ein, wo wir einen Blumenkranz entdeckten. Er lag dort, um die Opfer des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten zu ehren. Wir gingen dann durch eine Tür in ein riesiges Treppenhaus. Einer der Schüler sah mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck nach oben in das Treppenhaus und wusste, das Erklimmen wird Sport pur sein. Nach ein paar Vorbereitungen gingen wir mehrere Etagen nach oben. Auf Etage drei liefen wir in einen Raum mit bequemen Stühlen und alle setzten sich erschöpft hin.

Die Klasse 7.1 bei ihrem Wandertag.

Schließlich kamen zwei Frauen, die uns durch ein paar Gänge in einen bestuhlten Raum begleiteten. Wir konnten gerade mal unser Gepäck ablegen, als sie schon sagten: „Ihr müsst euch gar nicht hinsetzten, denn gleich werden wir ein kleines Spiel spielen“. Sie zeigten in die Mitte des Raumes und teilten uns mit, dass wir das Spiel Kenne oder nicht* spielen. Es waren allgemeine Fragen, zum Beispiel: „Wart ihr jemals in einem Museum“, oder „Wie gut kennt ihr Mildred Harnack und was wisst ihr über sie?“

Nachdem wir etwas Neues gelernt haben und uns alle schließlich auf die Stühle setzten, wurden wir in Gruppen aufgeteilt und uns wurden auf kleinen Kärtchen Wörter gegeben, die man erklären musste. Das interessanteste war: Was ist ein Stolperstein? Ein Stolperstein ist eine kleine Stahlplatte im Asphalt, auf dem ein Name eingraviert ist. Diese Person wurde von den Nazis hingerichtet oder ihr wurden andere schlimme Dinge angetan. Dieser Gedenkstein ist da, um die Opfer des Nationalsozialismus zu ehren.
Während der Nazizeit gab es verschiedene Widerstandsgruppen, eine nannte sich Rote Kapelle. Es war eine geheime Organisation gegen die Nationalsozialisten, die die Gemeinschaft vor der Gefahr immer wieder gewarnt hatte. Sie bestanden aus mehr als 150 Leuten. Die meisten wurden gefasst und hingerichtet…

Als wir die Begriffe besprochen hatten, blieben wir immer noch in Gruppen zusammen. Dann wurde uns eine letzte Aufgabe überreicht: Eine kleine Präsentation über ein bestimmtes Thema zu machen. Unser Thema war: Beschreibe… Bilder? OK.

Wir haben eine kleine Analyse der Bilder gemacht und angefangen, die Präsentation zu gestalten. Es ging relativ schnell. Nach kurzer Zeit wurden wir auch nach vorne gerufen und haben präsentiert wie noch nie. Wir haben gelernt und erfahren, dass vor der Mildred-Harnack-Schule eine Skulptur von einem Künstler steht. Die Skulptur symbolisiert die Flugblätter, die die Namensgeberin unserer Schule sogar noch in der Gefangenschaft der Nazis geschrieben hat.

So endete auch der Ausflug und schon am nächsten Tag gingen wir wieder in die Schule mit dem neuen Wissen, welche Opfer die Rote Kapelle für die Zukunft erbracht hatte.

* Kenne oder nicht ist ein Spiel, bei dem einer Gruppe Fragen gestellt werden und man sie beantworten muss, indem man auf bestimmte Seiten des Raumes geht.

Bericht: Konstantin Weimann, Klasse 7.1 / Bilder: Eg

So unterschiedlich die Orte und Zugänge an diesem Projekttag auch waren, sie verband eine gemeinsame Frage: Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen, wenn Menschlichkeit, Freiheit und Würde bedroht sind?

Die Auseinandersetzung mit Verfolgung, Widerstand und Erinnerung macht Geschichte nicht nur sichtbar, sondern schlägt auch eine Brücke in unsere Gegenwart. Mildred Harnacks Mut und ihre Haltung erinnern uns daran, dass demokratische Werte nicht selbstverständlich sind, sondern Menschen brauchen, die für sie einstehen.

So wurde ihr Geburtstag für unsere Schulgemeinschaft erneut zu einem Tag des Erinnerns, des Nachdenkens und des gemeinsamen Lernens.